Die Kettenmenschen

von Wolfgang Bauer

Die Welt ist eine Bestie, im schwarzen Kasten des Radios nistet sie. Wenn du den Atem anhältst, ganz leise bist, leiser als die Falter, denen die Nacht gehört, hörst du ihre Verwünschungen. Die Welt zischelt, wispert, sie quält. Sie will dir den Schädel brechen und dein Blut saufen. Vor zwei Jahren, als er dem Rauschen des Radios lauschte, hat sie den Plantagenarbeiter Joseph Yao Kouadis grausam angefallen. Weißer Schaum klebt auf seinen Zähnen, weit aufgerissen ist sein Rachen, der Schizophrene wälzt sich im Staub, winselnd, hechelnd, brüllend vor Angst und Wut. Das Weiße der Augen hat er nach vorne gekippt, die Pupillen starren in den Schädel, das sicherste, unsicherste, das verwirrteste Asyl. Joseph ist ein kluger Mann, der weiß, dass er in der Falle steckt. Der Staub auf seinem Körper ist sein Leichentuch.

Der Wahnsinn der Welt zerrt an Joseph Yao Kouadis, noch wehrt er sich. Heiser zerfetzt seine Stimme die Stille des Tages und der Nacht. Langsam, Monat für Monat, wird sein Schreien schwächer werden. Die Menschen haben den 28-Jährigen auf die Lichtung eines Zuckerrohrfeldes in der Elfenbeinküste verbannt. Dort führt sein bedrängter Verstand einen einsamen Kampf. Josephs rechter Fuß ist an einen Betonzapfen gekettet. Zwei Schritte kann er gehen, einen halben dritten noch, dann spannt die Kette.

Das Elend psychisch Kranker ist nirgendwo so groß wie in Westafrika. Sie werden gehalten wie wilde Tiere, in dunkle Verliese gesperrt, angekettet, sie verrotten bei lebendigem Leib, Zehntausende von ihnen. Ihre Angehörigen sind überfordert, alle tun es, die Nachbarn, der Polizeipräsident.

Diese Geschichte handelt von der Vernunft. Es gibt Menschen, die ihr vertrauen. Ein Fehler.

Josephs Mutter steht mit verschränkten Armen vor ihrem Jungen. Ihr Gesicht ist ein Panzer aus Ekel. Die Pastoren einer evangelischen Freikirche hatten ihr vor einem Jahr geraten, den Schreienden hierher zu bringen, an den Ort der Gnade Gottes, wo man Krankheiten alleine mit der Kraft des Gebetes heilt. Fünfstündige Marathonmessen, mittwochs und samstags, halten die Pastoren, Andachten direkt bei den Kranken, wenn sich deren Zustand wieder einmal besonders verschlechtert. Dämonen sind in sie gefahren, sagen die Priester. Ihre Apostel, junge Männer mit Stöcken, knüppeln die bösen Geister. Die Dämonen vertragen keine Schläge, daher müssen die Prügel hart sein, ausdauernd, dann schweigen die Geister irgendwann.

Seine Mutter hatte die Kirchenmänner gebeten, ihn an die Kette zu legen. Josephs Verhalten macht ihr Angst. Erst vor zwei Tagen ließ sie ihn frei, sofort aber benahm er sich wieder eigenartig. Er tanzte durch die Hütten, wild, ekstatisch, wirbelte um seine Achse, nach einem Jahr der Fesselung, er sang. Da bekam es die Mutter erneut mit der Angst. Zwei Männer überrumpelten den tanzenden Joseph, mit viel Mühe zwangen sie ihn zurück ins Eisen. Seither liegt Josephs Brüllen wieder über dem Gebetszentrum. Die Familie der Kranken zahlt den Pastoren Behandlungsgebühren, sie sind billiger als staatliche Krankenhäuser, und trotzdem reicht es für die Ernährung der Kranken hinterher kaum. Überall in Westafrika existieren diese „Centre Prière“, Gebetszentren der evangelisch-protestantischen Kirche C.M.A, einer Gründung amerikanischer Missionare.

Am Rande des „Centre Prière“ von Bouaké, zweitgrößte Stadt der Elfenbeinküste, gibt es fünf knorrige Bäume. An deren Wurzeln hängen braun-rostige Ketten, daran Vorhängeschlösser. Einige sind außer Gebrauch, Spinnen und Asseln haben ihre Nester in ihnen gebaut. Andere glänzen in der Sonne, blank gerieben vom Fleisch, das sie jahrelang banden. Zehn mit Haut überzogene Gerippe krümmen sich dieser Tage unter den Kettenbäumen von Bouaké. Ihre Haut, ob jung oder alt, wird im Laufe der Jahre rindenhaft, rau und rissig. Sie verwachsen mit dem Holz, der Körper verliert ein, zwei Kilogramm jeden Monat, bis nur Knochen übrig bleiben, nicht viel mehr. Die Angeketteten verbringen den Tag regungslos. Eine Mutter von drei Kindern wird von zwei schweren Vorhängeschlössern an der Wurzel gehalten. Ihre jüngste Tochter brachte sie an den Baum. Die Familie hat sie abgesandt, für die Mutter zu sorgen. Einmal am Tag reicht sie ihr eine Konservenbüchse mit gestampftem Mais. Die Mutter klagt, dass ihre Tochter sie schlage. Eine schwarze Plastikfolie, die sie bei Regen über den Kopf zieht, ist ihr einziger Besitz.

„Die Leute meinen, ich sei verrückt. Ich weiß es nicht. Vielleicht wurde ich verhext.“ Ein schmerzendes Schulterblatt hindert sie am Schlafen. Manchmal durchrollen sie Anfälle, die die Festgebundene auf den Rücken werfen. Minutenlang hebt und senkt sich dann ihr gestreckter Körper. Die Kette reißt ihr am Fußgelenk, und von den Hütten der Angehörigen dringt das übermutige Lärmen spielender Kinder.

Ärzte sind hier nicht wohlgelitten, hier gibt es nur Gottesmänner, der oberste heißt Prosper, was man mit „wohlhabend“ übersetzt. Auf einem Liegestuhl döst er vor seinem Haus, ab und an knien Gläubige nieder und bitten um Segen. „Jesus“, legt Prosper seine Hand müde auf die gesenkten Häupter, „ich, Prosper, dein demütiger Diener, bitte dich. Sage mir, wie man diesen Menschen helfen kann.“ Prosper besitzt ein waches, misstrauisches Auge, das andere ist durch ein gelähmtes Lid halb verdeckt. Ängstlich suchen die Gläubigen um Audienzen nach, Ex-Präsidenten und Polizeioffiziere zählen zu ihnen, eine Woche im Voraus ist Prosper ausgebucht. Wer ihm mehr Geld zusteckt als die anderen, kommt früher dran.

Kette und Gebet gehören für ihn zusammen. „Sonst hauen die Verrückten ab. Sie hören nicht die Messe und fasten nicht.“ Dass viele Kranke unter dieser Prozedur elendig verrecken, kalkuliert er ein. Die Depressiven, Senilen, Anfallskranken und Schizophrenen seien gestorben, macht er den Angehörigen weis, „weil der Glaube in ihnen schwach war“.

Prospers Gegenspieler, der ihm das mörderische Geschäft mit dem Wahnsinn vergällen will, der Einzige im Land, den die Pastoren zu fürchten haben, ist Grégoire Ahongbonon, 50. In grauer Mao-Kluft, aber ebenfalls mit der Bibel unterm Arm, kämpft er seit 20 Jahren gegen die Kettenseuche in Westafrika. „Hunde kettet man an. Wenn man kranke Menschen ankettet, werden sie dadurch nicht geheilt. Sie werden dadurch wie Hunde.“ In einer Region, in dem jeder körperliche Kontakt zu Geisteskranken gemieden wird, weil Wahnsinn als ansteckend gilt, sind solche Sätze revolutionär.

Ein Zufall führte Ahongbonon zu seinem ersten Kranken. In einem lichtlosen Verhau ließ ihn seine Familie verfaulen. Maden in Ohren und Nase, im Fleisch der Oberarme und Oberschenkel grauer Baustellendraht. So straff und so lange fesselte der Draht den Mann, bis er sich tief in dessen Körper gefressen hatte. Bauch und Beine trugen grün-schwarze Flecken der Verwesung, und doch atmete dieser Mensch noch. Hilflos stand Ahongbonon davor und wusste nicht, wie den Mann vom Draht lösen. Lange versuchte er es, und als es ihm schließlich gelang, starb der Mann. Seitdem befreite Ahongbonon, der früher Taxifahrer war und zum Katholizismus konvertierte, 2500 Menschen.

Sechs Zentren betreibt seine Association Saint Camille de Lellis rund um Bouaké. Er gründete Auffangstationen, in denen den Neuankömmlingen nach Jahren, Jahrzehnten der Gefangenschaft der Filz vom Kopf geschoren wird. Wo mit der Säge ihre Zentimeter langen, brettdicken Klauen gekürzt werden. Wo man unter dem Dreck das herausschrubbt, was vom Körper noch übrig blieb. Es gibt einen Psychologen, der ihre Krankheit erforscht, ihnen Medikamente verschreibt. Ahongbonon baute vier Rehabilitationszentren, mit einem winzigen Budget von 30 000 Euro ernährt er 950 Menschen, selbst in Afrika ein finanzieller Hochseilakt. Die ehemaligen Kettenmenschen pflanzen Yam-Wurzeln und Zuckerrohr, sieden Seife, züchten Hühner. Das Wichtigste jedoch: Man reicht ihnen wieder die Hand.

Ahongbonons Fahrten durch die Elfenbeinküste sind Reisen an die Grenzen menschlicher Psyche. Der Kassettenrekorder des Jeeps eiert die immer gleiche heitere Kirchenmusik, das hält den chronisch Übermüdeten wach. Eine 50-jährige Frau hat er heute dabei, sie kehrt in ihr Dorf zurück, wo sie mit beiden Beinen 15 Jahre im Holz war, wie man hier sagt. Der Ältestenrat des Dorfes hatte es beschlossen, zwei Männer sägten ein enges Loch in einen Stamm, zwangen Adingra Siata hinein und vernagelten die Öffnungen mit Eisen. Von ihrer Familie aufgegeben, vegetierte die Gefangene im Schutt eines verfallenen Hauses, als Ahongbonon sie fand. Unrat aß sie und Fliegen. Ihre Tochter hatte schon das Leichentuch gekauft. „Lass die liegen. Die ist doch so gut wie tot!“ sagte einer der Nachbarn.

Schüchtern, strahlend aber, herausgeputzt mit neuen Kleidern, sitzt sie auf der Rückbank. Die lange Gefangenschaft deformierte ihren Rücken, bogenförmig ist er verkrümmt, bis zur Hüfte kann sie sich aufrichten. Vor Nervosität übergibt sie sich. Wie werden die Leute auf sie reagieren? Siata war vier Jahre in Gregoires Zentrum, einmal in der Woche schluckte sie ein Psychopharmakon. In dem Maße, wie sie es zuließ, wurde sie integriert. Das ist Ahongbonons Auffangzentrum eigentlich: Ersatz für die Dorfgemeinschaft, dessen Bewohner, Männer, Frauen, Kinder, ihren Alltag weitgehend eigenständig organisieren. Alle Leiter sind ehemalige Kranke, die jahrelang angekettet waren. Siata kochte in der Frauenrunde, kümmerte sich um Kinder, spielte mit ihnen. Allmählich fand sie neues Gleichgewicht.

Siatas Mutter schlägt die Hände vors Gesicht. Unangekündigt ist Ahongbonon ins Dorf gefahren. Zaghaft, mit zwei Fingern, berührt die Mutter die Hand ihrer Tochter. „Sie erkennt mich!“ beginnt die Alte zu weinen. „Ein großes Wunder!“ raunen die zusammengelaufenen Bewohner. Siata begrüßt sie alle mit Namen, fragt, wie es ihnen geht. Als sie im Holz war, beharkte sie jeden mit schlimmsten Obszönitäten. Ihre Augen glotzten, ihr Körper stank schlimmer als der eines Kadavers. „Das war einmal“, sagt Ahongbonon der Dorfversammlung. „Streicht Siata, wie sie war, aus eurem Gedächtnis. Sie ist wieder gesund, eine von euch. Behandelt sie auch so. Ich will kein Geld von euch. Ich will nur, dass ihr nie wieder einen Kranken ins Holz sperrt.“ In den Augenwinkeln der Dörfler sitzen Zweifel.

Im Nachbarort wissen sie von einer Frau, die seit Jahren angekettet in einer dunklen Hütte haust. Wie lange genau, vermögen die Angehörigen nicht zu sagen, einer sagt, drei Jahre, der andere zehn. Nur ein schmaler Spalt unter der Holztür lässt Licht in die Finsternis. Die Haut der Frau ist bedeckt von Kot und Dreck. Sie stinkt grauenvoll. Ahongbonon ringt mit dem Erbrechen. Ein Fuß ist an einen Baumstamm gekettet, bis vor kurzem steckte dort auch ihr Arm in einer rostigen Eisenklammer. Der Stamm ist drei Meter lang, von schwarzem Hautfett und Flöhen überzogen. Ahongbonon gibt ihr eine Beruhigungsspritze, befreit sie, führt sie zum Jeep, wo sie während der Rückfahrt immer wieder ins Polster uriniert. Im Zentrum in Bouaké wird sie als Erstes ihre Reisportion mit dem eigenen Kot verrühren und hastig verzehren. Eine alte Gewohnheit.

Die Rückfahrt nach Bouaké verzögert sich ein weiteres Mal. Bei einem Stopp erfährt Ahongbonon von einem Mann, der vom ältesten Bruder weggesperrt worden sei. Nur wenige Häuser entfernt sitzt Sie` Kouane, 47, mit übereinander geschlagenen Beinen in einer Hütte. Um das linke Handgelenk haben seine Verwandten eine Eisenklammer in das Holz geschlagen, fünf Zentimeter breit, vier Zentimeter hoch. Die Fingernägel sind messerlang. „Ich habe in letzter Zeit etwas abgenommen“, betrachtet er grübelnd den Arm in der Klammer. Wer er sei, fragt Ahongbonon. Mit der Langsamkeit eines Reptils hebt er seinen Kopf und schaut ihn stirnrunzelnd an. „Haben Sie schon einmal vom höchsten Wesen gehört? Das bin ich.“

Der Mann, der sich für Gott hält, arbeitete bis vor zehn Jahren als Beamter im Landwirtschaftsministerium in der Metropole Abidjan. Der Stolz des Dorfes. Zu ihm kamen die Leute, wenn sie Rat und Unterkunft brauchten. Doch dann wurde er krank. „Wissen Sie“, erzählt er in der beißenden Luft seines Verlieses, „mir wurde das alles zu viel. Ich habe mich überarbeitet, das war 1991. Seitdem ist Leiden, nur Leiden. Ich verstehe das nicht. Vielleicht muss das höchste Wesen leiden, denke ich mir manchmal. Und dann denke ich wieder, nein, das ist falsch, es kann auch glücklich sein.“ Sié litt unter Depressionen, das Ministerium kündigte ihm. Im Dorf lief er ruhelos umher und schimpfte viel. „Er hat unseren Onkel mit einer Machete angegriffen“, rechtfertigen sich seine Brüder. Den alten Frauen im Dorf habe er das Essen gestohlen. Drei Jahre schon hockt er jetzt auf seiner alten Aktentasche und kann weder stehen noch liegen.

Fünf Männer braucht es, um den Baumstamm nach draußen zu transportieren. Das Tageslicht brennt Siè in den Augen. Schwach sind sie in den Jahren der Dunkelheit geworden, klagt er. „Ich kann keine Buchstaben mehr lesen.“ Ahongbonon lässt die Metallsäge aus dem Wagen holen. Das halbe Dorf verfolgt ´gebannt die Szene, Kinder drängeln um die besten Plätze. Ohne Verletzungen löst Ahongbonon die Haut vom Holz. „Du kommst jetzt mit“, nimmt er den Mann in den Arm, der noch lange danach fassungslos die Innenfläche seiner Hand anschaut. Seit Jahren hat er sie nicht mehr gesehen.

Ihn einfach umzubringen wäre menschlicher gewesen, räumen seine Brüder ein. Versündigen wollten sie sich aber nicht. Und freilassen konnten sie ihn nicht. „Jetzt ist er schwach, aber dann wäre er wieder stark geworden. Das ist das Problem“. Die ersten Tage in Bouaké sind für Sié ein Schock. Aus seiner Einsamkeit wird er in einen Schlafsaal mit 25 Menschen katapultiert, links und rechts wälzen sich Kranke. So viele Bewegungen, so viel Geräusch. „Ich halte das kaum aus. Ich bin es nicht mehr gewohnt, unter Leuten zu sein.“ Den Akt der Befreiung beobachtete er gelassen, fast gelangweilt, als sei er ein gänzlich Unbeteiligter. Nun gerät er aus dem Gleichgewicht. Verloren sitzt er draußen auf einer Bank, reibt sich unruhig die Schläfen. Sein Kopf ist tief zwischen den Beinen versunken. Aufmunternd legen andere Kranke ihre Hände auf seine Schulter. Unter der Kruste seiner Seele regt sich etwas. Es sind die Wehen der Wiedergeburt: Nach langer Abwesenheit kehren Gefühle zurück. Den Anfang macht die Verzweiflung.